Über dieses Interview: Anlässlich des Global Accessibility Awareness Day (GAAD) sprechen wir mit der erfahrenen Brand Designerin Judit Bellada über die oft unterschätzte Verbindung von Ästhetik und digitaler Teilhabe. Warum fällt es vielen Unternehmen so schwer, barrierefreie Kontraste zu nutzen? Wie entstehen Farbkonzepte in der Praxis und wie lassen sich gesetzliche Design-Vorgaben mit moderner Markenidentität vereinbaren? Ein tiefer Einblick in die Psychologie der Farben und die Verantwortung des modernen Designs.
Hallo und herzlich willkommen zu unserem ersten Interview zum Global Accesibility Awareness Day! Schön, dass du dir die Zeit nimmst, Judit.
Hallo! Ich freue mich auch sehr, heute über dieses wichtige Thema zu sprechen.
Der aktuelle WebAIM Million Report zeigt zum achten Mal in Folge, dass mangelnder Farbkontrast das häufigste Problem bei der Barrierefreiheit im Web ist.
Bevor wir tiefer in diese Thematik eintauchen, lass uns ganz am Anfang anfangen: Wie entsteht eigentlich eine Farbkombination für eine neue Marke? Kommen Kunden bereits mit festen Vorstellungen zu dir?
Die meisten Kunden bringen tatsächlich schon eine sehr konkrete Vorstellung mit. Das Problem ist jedoch häufig, dass diese Wünsche nicht mit ihren eigentlichen geschäftlichen Zielen übereinstimmen.
Hier kommt die Farbpsychologie ins Spiel: Kunden neigen dazu, ihre persönlichen Lieblingsfarben zu wählen, lassen dabei aber den wichtigsten Faktor außer Acht – ihre Zielgruppe.
Meine erste Aufgabe ist es daher, zu vermitteln, dass nicht der persönliche Geschmack des Gründers im Mittelpunkt steht, sondern die zukünftigen Klienten.
Das heißt, du musst manchmal auch den Spielverderber spielen und sagen: „Schöne Farbe, passt aber leider überhaupt nicht zu deinem Business“?
Absolut, genau darum geht es. Sobald dieses Bewusstsein beim Kunden geschaffen ist, analysieren wir die Branche. Nehmen wir als Beispiel eine Zahnärztin, deren Lieblingsfarbe Magenta-Pink ist. Für eine Zahnarztpraxis ist dieser Ton im Regelfall eher ungeeignet. Im Gesundheitswesen dominieren aus gutem Grund Blau- und Grüntöne, da sie auf Patienten beruhigend, sauber und vertrauenerweckend wirken.
Und gibt es da einen Kompromiss, oder fliegt das geliebte Pink dann komplett aus dem Konzept?
Nein, wir können die Persönlichkeit der Kundin meistens trotzdem einbringen! Zu der von uns gewählten, blauen Basis-Farbpalette lässt sich ein abgetönter, ruhigerer Pink-Ton hervorragend als Akzentfarbe kombinieren. Eine grüne Farbvariation würde ich in diesem spezifischen Fall übrigens meiden, um potenziellen Problemen bei einer Rot-Grün-Sehschwäche in der Praxis direkt vorzubeugen.
Verstehe, das ergibt Sinn. Gab es denn schon Fälle, in denen ein Kunde partout nicht von seiner Vorstellung abweichen wollte? Was triggert diese Hartnäckigkeit deiner Meinung nach?
Ja, ich hatte einmal einen Kunden, der eine extrem spezifische Farbpalette im Kopf hatte. Er wollte von mir im Grunde nur die exakten Farbcodes geliefert bekommen, um damit direkt in den Baumarkt zu gehen und die Wandfarbe für seine neuen Geschäftsräume anmischen zu lassen. In diesem speziellen Fall hatten wir Glück: Die Farben waren von Natur aus harmonisch und passten sehr gut zusammen, sodass keine großen Diskussionen nötig waren.
Ich bin mir aber sicher, dass er im Ernstfall auch auf meinen fachlichen Rat gehört hätte. Die Beweggründe für solche festen Vorstellungen sind meistens eine starke persönliche Identifikation mit bestimmten Farben oder eine ganz gezielte Inspiration, die man irgendwo aufgeschnappt hat und nun eins zu eins kopieren möchte.
Und wie gehst du vor, wenn die mitgebrachten Farben absolut nicht harmonieren und der Kunde völlig unschlüssig ist? Wie erklärst du, was „zusammenpassen“ im Design überhaupt bedeutet?
In so einem Fall teile ich die vorgeschlagenen Farben meist in zwei verschiedene Gruppen auf, die in sich stimmig sind, und erstelle zu beiden Optionen ein Moodboard. So sieht der Kunde direkt, wie die Farben im Zusammenspiel wirken.
Da Farben Emotionen transportieren, erzeugen die verschiedenen Moodboards auch völlig unterschiedliche Reaktionen. Sollte dann immer noch Unschlüssigkeit herrschen, helfe ich den Kunden, indem ich die theoretischen und psychologischen Aspekte der klassischen Farbharmonie-Modelle erkläre. Im Kern nutzen wir im Brand Design sechs Ansätze.
Die da wären?
Monochromatisch: Eine einzige Farbe in verschiedenen Helligkeitsstufen. Das wirkt sehr harmonisch und ruhig. Ein gutes Beispiel ist die Plattform X (ehemals Twitter) mit ihren verschiedenen Blautönen oder dem Fokus auf Schwarz und Grau in der neueren Identität.
Komplementär: Zwei Farben, die sich im Farbkreis direkt gegenüberliegen, wie Blau und Orange. Das sorgt für maximalen Kontrast und hohe Auffälligkeit, wie man es perfekt von FedEx mit Lila und Orange kennt.
Und noch
Analog: Farben, die im Farbkreis nebeneinanderliegen, zum Beispiel Blau, Türkis und Grün. Das wirkt sehr natürlich und harmonisch. BP kombiniert so Grün und Gelb für ein organisches Erscheinungsbild.
Das klingt nach den eher harmonisch-ruhigen Varianten. Was ist mit den dynamischeren Konzepten?
Da wären zum Beispiel
Triadisch: Drei Farben, die gleichmäßig auf dem Farbkreis verteilt sind. Das wirkt sehr energetisch und farbenfroh, braucht aber Balance. Burger King nutzt dieses Schema mit Rot, Gelb und Blau für einen fröhlichen, einladenden Look.
Split-Komplementär: Eine Hauptfarbe kombiniert mit den beiden Nachbarfarben ihrer eigentlichen Gegenfarbe. Man erhält einen starken Kontrast, der jedoch weicher und einfacher zu handhaben ist als das reine Komplementärschema. Fanta macht das vor, indem sie Orange mit Rosa- und Lilatönen kombinieren.
oder auch
Neutral / Achromatisch: Die reine Arbeit mit Schwarz, Weiß, Grau und Beige. Das wirkt elegant und zeitlos und dient als perfekte Bühne für jede Akzentfarbe. Apple ist hier das Paradebeispiel für Schlichtheit und Hochwertigkeit.
Sobald man Kunden diese logischen Zusammenhänge klar erklärt, verstehen sie die Designentscheidungen meist sofort und vertrauen auf die Expertise.
Schalten wir das Thema Barrierefreiheit wieder ein. Hattest du bereits Projekte, bei denen Accessibility ein explizites Thema war – sei es durch gesetzliche Vorgaben oder auf direkten Wunsch des Kunden?
Ja, ich hatte erfreulicherweise bereits die Gelegenheit, an einem solchen Projekt zu arbeiten, und habe dabei selbst enorm viel gelernt. Ich liebe Farben und fand es faszinierend, sie noch einmal aus einer ganz neuen Perspektive zu betrachten. In diesem Fall war der Kunde selbst in der Barrierefreiheits-Branche tätig und berät Unternehmen in diesem Bereich.
Das heißt, der Kunde war vom Fach. Macht es das für dich als Designer leichter oder schwerer?
Es war eine unheimlich spannende Dynamik. Er brachte folglich schon ein sehr tiefes Verständnis für die Thematik mit – allerdings primär aus technischer Sicht und weniger aus dem Blickwinkel des kreativen Designs. Sein Fokus lag stark auf den rein messbaren Farbkontrasten, während meine Aufgabe darin bestand, diese mathematischen Anforderungen mit ästhetischer Farbharmonie in Einklang zu bringen. Das war eine sehr produktive Zusammenarbeit.
Es gibt ja immer noch das Vorurteil, dass barrierefreies Design zwangsläufig hässlich, steril oder schlichtweg langweilig sei. Was entgegnest du dem?
Ich verstehe durchaus, woher dieser Gedanke kommt, aber ich teile diese Meinung überhaupt nicht. Es stimmt natürlich, dass sich die Auswahl an nutzbaren Farbkombinationen drastisch reduziert, wenn man rigoros den internationalen AAA-Standard der WCAG (Web Content Accessibility Guidelines) erfüllen muss.
Dennoch bleibt die Palette an Möglichkeiten groß genug, um kreative, spannende und keineswegs langweilige Designs zu entwickeln. Barrierefreiheit ist keine Einschränkung der Kreativität, sondern eine Design-Herausforderung, die letztendlich zu klügeren und durchdachteren Lösungen führt.
Blicken wir mal auf die Psychologie der Kunden. Gibt es bestimmte Muster, die dir auffallen? Eine unbewusste Tendenz zu bestimmten Farben oder eben genau zu diesen schwachen Kontrasten, die die Reports bemängeln?
Man muss bedenken, dass ein Außenstehender in der Regel kein Vorwissen über Farbpsychologie hat – und noch weniger darüber, wie gezielt sie im Marketing eingesetzt wird. Mir ging es vor meinem Designstudium nicht anders.
Welche Farben Kunden initial wählen, hängt meist stark mit ihrer Branche und ihrer eigenen Persönlichkeit zusammen. Wer beispielsweise ein Yoga-Studio eröffnet, ist oft ein eher ruhigerer Charakter. Das spiegelt sich im Business-Konzept wider und führt dazu, dass „laute“, knallige Farben intuitiv abgelehnt werden.
Und was wählen sie stattdessen?
Oft haben diese Kunden dann ein sehr softes, cremiges Beige im Kopf, das optisch fast schon in Weiß übergeht. In der Praxis führt das im Web zu fatalen Kontrastproblemen – genau das, was der WebAIM-Report kritisiert.
In so einem Fall greife ich die gewünschte Grundstimmung auf, berate den Kunden aber hin zu einer Palette, die die Persönlichkeit des Unternehmens widerspiegelt, harmonisch wirkt, aber eben die notwendigen Kontrastwerte für eine einwandfreie Lesbarkeit erfüllt.
Es ist also am Anfang fast immer pure Intuition und persönliche Vorliebe.
Genau, man wählt einfach, was man mag. Ob diese Farben dann zu den Unternehmenszielen passen oder ob wir sie geschickt in die finale Brand-Palette integrieren können, kristallisiert sich meistens heraus, sobald die Kunden meinen Strategie-Fragebogen ausgefüllt haben. Erst wenn die Faktoren Zielgruppe, Branche, Positionierung und Ziele schwarz auf weiß vorliegen, kann ich eine fundierte, schöne und vor allem für alle Menschen funktionale Farbwelt erschaffen.
Super, vielen lieben Dank für diese spannenden Einblicke in die Welt der Farben und der Markenfindung! Das Thema Barrierefreiheit und Design wird uns in der Branche definitiv noch lange begleiten.