Inklusive UX Research: User verstehen, Disability Dongles vermeiden

Veröffentlicht am: 21. Mai 2026 um 12:00 Uhr

In User Research geht es darum, das richtige Problem zu finden. Im Kontext von Barrierefreiheit gibt es hier aber oft ein Doppelstandard: Das Problem, das es zu finden gilt, ist bereits im Vorhinein vorgegeben. Barrieren.

Aber welche? All jene, die die Nutzung behindern.

So weit so gut, aber dadurch erreichen wir erstmal nur, dass User unsere Produkte generell mal verwenden können. Also in anderen Worten erreichen wir oft nur den Status eines MVPs (minimal viable product), den wir sonst für frühe User-Tests vorbereiten. Wenn es um Barrierefreiheit geht, wird hier dann aber oft das Testen beendet à la: “es funktioniert! Es ist barrierefrei!”

Wäre cool, wenn es tatsächlich so einfach wäre!

Bei dieser Praxis wird aber das Produkt über den Nutzer:innen priorisiert. Wie es funktionieren soll und vor allem wie es am besten für Nutzer:innen mit Behinderungen funktionieren soll, wird oft schon im Vorhinein festgelegt.

Disability Dongles: Wenn gut gemeint nicht gut genug ist.

‘Disability Dongle’ beschreibt eine Produkt, das für Menschen mit Behinderungen entwickelt wird, dabei aber ihre Lebensrealitäten nicht mitberücksichtigt. Der Begriff wurde 2019 von Liz Jackson eingeführt. Quelle

Es ist eine Lösung für ein Problem, das gar kein wirkliches Problem ist. Quasi eine Manifestation von “eh gut gemeint”. Als Beispiele hierfür werden oft Variationen von Exoskeletten, Rollstühlen mit Treppensteigfunktion, oder AR-Brillen mit automatischen Untertiteln oder Gesichtserkennung genannt.

Im Web würde das, zum Beispiel, Overlays betreffen (Overlays: Just Another Disability Dongle), obwohl bereits wissenschaftlich belegt ist, dass sie die Barrierefreieheit und User Expereince nicht nachhaltig verbessern (The Impact of Web Accessibility Overlays on the Usability and User Experience for People with Permanent Visual Impairments). Aber auch separate “barrierefreie Versionen” von Websites und Apps, die oft als “für Screen Reader optimiert” angepriesen werden.

Liz Jackson kritisierte daran insbesondere, dass Menschen mit Behinderungen nicht oder nur stark begrenzt in den Designprozess integriert werden. Es wird für sie designt, nicht mit ihnen.

Ein weiterer Punkt der Problematik ist, dass es oft darum geht Menschen mit Behinderungen an die gesellschaftlichen Standards anzugleichen. Anstatt Barrieren abzubauen, die von der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben abhalten, nagen sich nicht-behinderte Produktentwickler an quasi-kosmetischen Problemen ab.

Das soziale Modell: Barrieren liegen in der Gesellschaft, nicht im Körper

Um Disability Dongles zu verstehen, hilft es, das soziale Modell von Behinderung zu betrachten: “[Beim Sozialen Modell] steht nicht die Beeinträchtigung im Zentrum, sondern die gesellschaftlichen Bedingungen und physischen Barrieren, die Inklusion erschweren oder verhindern” Behindertenarbeit.at.

Dieser Gedanke ist oft der Ausgangspunkt, die Dissonanz entsteht dann durch die unterschiedlichen Auslegung von “gesellschaftlichen Bedingungen und physischen Barrieren”. Nicht-behinderte Produktentwickler:innen legen Barrieren als etwas fest, dass ihnen ihre Wahrnehmung als äußere Behinderungen aufzeigt. Dadurch entstehen Fehleinschätzungen in Bezug auf, was die behinderten Demogaphien möchten, wie zum Beispiel das oben genannte Exoskelet um aufrecht gehen zu können. Dabei ist ein aufrechter Gang kein Determinator für ein gesellschaftliches Teilhaben und ein Gundam Mecha Anzug fällt nicht weniger auf als ein Rollstuhl.

Empathie reicht nicht: Warum Lebenserfahrung Bias überwindet

Empathie ist der Startpunkt, aber sie ist kein Ersatz für Expertise. Jemand, der schon lange (eventuell bereits das ganze Leben) mit einer Behinderung lebt, wird anders einschätzen, was eine Barriere darstellt, als jemand ohne Selbsterfahrung. Auch mit den besten Intentionen wird die Ideenfindung durch Bias beeinflusst.

Das heißt, auch noch so viel Empathie kann keine Lebenserfahrung ersetzen.

Wir alle haben unbewusste Vorurteile oder stereotypische Vorstellungen im Kopf. In User Research ist es wichtig, sich deren bewusst zu werden, damit wir diese unsere Forschung nicht beeinflussen lassen. Es ist nie angenehm zuzugeben, dass man andere Menschen als Stereotyp abgestempelt hatte. Aber es ist notwendig um die Stigmatisierung nicht in den Designprozess mitzunehmen.

Wir alle sind durch unser soziales Umfeld und Wertevorstellungen geprägt. Oft wird aber vergessen, dass unsere Test User das genauso sind.

Sprache und Macht: Wer spricht mit wem?

Viele IT Professionals machen sich Sorgen, wie sie korrekt mit Menschen mit Behinderungen und über Behinderungen sprechen können. Hier ergibt sich bereits das erste Problem: Das “Othering” oder die Andersmachung von Menschen mit Behinderungen Wikipedia: Othering. Das Konzept stammt aus der Philosophie und beschreibt, dass wir unsere Identität mitunter durch die Abgrenzung zu anderen (Gruppen) festlegen. Das Ich definiert sich darüber, was wir nicht sind.

Das trifft auf alle Menschen zu und wird in der User Research mit Individuen aus marginalisierten Gruppen leicht vergessen. Wie Menschen über ihre Erfahrungen sprechen, hängt davon ab, mit wem sie sprechen. In einem zeitlich begrenzten Treffen haben wir nur begrenzten Einfluss auf die psychologische Sicherheit der Situation. Was uns unser Gegenüber uns über dessen Behinderung(en) erzählen wird, hängt stark von dessen Identifizierung damit und Selbstsicherheit über das Thema zu sprechen ab.

Mehr als eine Diagnose: Intersektionalität im Design

Behinderungen sind nicht homogen. Sie existieren auch nicht unabhängig von anderen Lebensrealitäten. Unsere Lebenserfahrungen beeinflussen sich gegenseitig.

Viele Behinderungen sind mit voranschreitendem Alter verbunden und bilden dadurch oft eine zusätzliche Dimension der Identität: Manche Menschen lehnen das Label “behindert” ab, da es nicht mit ihrer Selbstwahrnehmung vereinbaren lässt. Diese Ablehnung kann aus der Sozialisierung stammen und den Werten und Stereotypen, mit denen man vor der Behinderung das Leben bestritten hat. Teil davon ist Ableismus:

“Ableism (oder auch Ableismus) bezeichnet die Ungleichbehandlung von Menschen aufgrund von Fähigkeiten.” Universität Wien

Ein Disability Dongle ist im Kern ein Produkt, das Ableismus zementiert, indem es Menschen mit Behinderungen auffordert, sich an nicht-behinderte Normen anzupassen – statt die Umgebung oder Umstände inklusiv zu gestalten.

Fazit: Von der Bestätigung zur Co-Creation

Ableismus ist oft unsichtbar, weil er sich in vermeintlich “gut gemeinten” Lösungen versteckt. Wenn wir im Designprozess davon ausgehen, wir wüssten bereits, was eine Barriere ist, reproduzieren wir genau diese Ungleichbehandlung. Wir priorisieren unsere eigene Wahrnehmung über die Lebensrealität der Nutzer:innen.

Richtige User Research kann gegen Ableismus im Design vorbeugen. Sie zwingt uns, unsere Vorurteile zu hinterfragen, Machtstrukturen in der Gesprächsdynamik zu erkennen und Co-Creation statt bloßer Validierung zu betreiben.


Der Weg von der Theorie zur Praxis: Von Disability Dongle zu Disability Design

Damit Barrierefreiheit nicht bei einem MVP-Stopp endet, müssen wir unsere Arbeitsweise ändern:

  • Über Behinderungen lernen: Selbst innerhalb derselben Diagnose sind Behinderungen nuanciert. Bevor man sich mit Testusern unterhält, sollte man sich informieren, wie Behiderungen sich tatsächlich aufs Leben auswirken.
  • Intersektionalität mitbedenken: Nicht nur eine homogene Zielgruppe befragen, sondern aktiv nach unterschiedlichen und potenziell auch widersprüchlichen Stimmen suchen. Intersektionalität macht ein Design robust für verschiedene Lebenslagen.
  • Design mit, nicht für: Der Designprozess sollte von den Meinungen und Einschätzungen von Menschen mit Behinderungen geleitet werden. User Tests sollten nicht nur als Bestätigung dienen.
  • Tokenism vermeiden: Ein einziger Testnutzer reicht nicht. Suche nach repräsentativen Mustern, nicht nach Bestätigung.
  • Von den Communities lernen: Welche Themen beschäftigen die Communities? Wie wird darüber diskutiert und gibt es einen Konsens?
  • Selbstkritisch auf das Design blicken: Könnte es zu Stigmatisierung beitragen anstatt sie zu reduzieren? Würde dieses Feature die Autonomie der Nutzer:innen stärken oder einschränken?
  • Respektvoller Umgang: Die Basics über Disability Etiquette lernen. Leute nicht dazu drängen, sich vulnerable zu zeigen um davon zu lernen.

Am Global Accessibility Awareness Day und darüber hinaus gilt: Inklusion ist kein technisches Feature, das man nachträglich einbaut. Sie ist eine Haltung, die wir in jeden Schritt des Designprozesses integrieren müssen.

Über Laura Wissiak

Als User Researcher und UX Product Manager bei Hope Tech ist es Laura Wissiak's Aufgabe, Hilfsmittel den Ansprüchen der Nutzer:innen entsprechend zu gestalten. Dabei betrachtet sie nicht nur das Produkt, sondernd das gesamte System: Die Kommunikation mit Usern, Infrastruktur, Kostenträgersysteme und Interessensvertretung. Bild: © Forbes/Moritz Scheer

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