Vom Community-Denken zum Global Player

Veröffentlicht am: 21. Mai 2026 um 17:00 Uhr

Vielleicht denkt sich der eine oder die andere im ersten Moment: „Who cares? Barrierefreiheit, eine lokale Community in Wien – wen interessiert das im großen Stil?“

Und ganz ehrlich, lange Zeit lief das Thema in der Tech-Welt genau so mit: als Nischenthema, das man anpackt, wenn am Ende des Projekts noch Zeit und Budget übrig sind. Viele halten es für mühsam oder sogar unnötig.

Aber ich sehe das anders. Und ich habe mich darum gekümmert.

Als ich 2023 als Quereinsteigerin in meinen 30ern (Self-Taught Dev) in das Google Developer Experts (GDE) Programm für Webtechnologien aufgenommen wurde, hatte ich ein klares Ziel für unsere GDG Vienna: Ich wollte Barrierefreiheit (Accessibility) zu unserem Schwerpunkt machen und zeigen, was auch auf lokaler Ebene möglich ist.

Wenn man sich die globalen Zahlen anschaut, wirkt so eine einzelne Gruppe erst mal klein:

  • Es gibt weltweit über 1.000 Google Developer Groups (GDGs).
  • Demgegenüber stehen etwas mehr als 1.000 GDEs global (und nur ein Bruchteil davon im Web-Bereich).

Man könnte meinen, meine Arbeit in Wien sei nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aber genau darum geht es: vom lokalen Community-Denken zum Global Player zu werden. Wenn man an den richtigen Schrauben dreht, entsteht eine Dynamik, die weltweite Kreise zieht.

Aus einer lokalen Initiative wird internationale Reichweite

Eineinhalb Jahre hat es gedauert, die Basics zu setzen. Ich habe dieses Vorhaben nicht unter optimalen Bedingungen gestartet, sondern habe meine 10-teilige Accessibility Webinar Series hochschwanger begonnen und monatlich durchgezogen. Daraus hat sich Schritt für Schritt etwas entwickelt, das weit über Wien hinausging:

  • Die Community globalisiert sich: Ich habe die Mitgliederanzahl der GDG Vienna in dieser Zeit verdoppelt. Das Verrückte ist: Unsere neuen Members kommen längst nicht mehr nur aus Wien oder Österreich. Durch die Streams hat sich die Reichweite komplett internationalisiert.
  • Wissen, das bleibt: Die gesamte Serie steht dauerhaft auf YouTube als kostenlose Wissensdatenbank zur Verfügung.
  • Europaweite Rückmeldung: Beim GDG-Treffen für Europa und Afrika in Berlin 2025 wurde mein Engagement als Accessibility Trailblazer ausgezeichnet.

Julia Undeutsch und Josefine Schäfer wurden 2025 zum Accessibility Trailblazer für ihre Leistung ausgezeichnet.

Dieses Netzwerk hat mir Türen geöffnet, die mir gezeigt haben, wie universell das Thema ist. Ich durfte Talks über Barrierefreiheit bei den GDGs in Tokyo, Osaka und Shikoku (Japan) halten – einen davon sogar auf Japanisch. Über 200 Leute waren da, und die Schlange für Fragen danach war so lang, dass ich es nicht mal geschafft habe, mir am Stand ein Taiyaki mit Google Branding zu holen.

Es hat mir gezeigt: Das Interesse an Inklusion und sauberem Code ist überall riesig. Entwickler und Designer brauchen oft nur jemanden, der den Einstieg erleichtert und zeigt, wie man es konkret umsetzt.

Die Zukunft planen: Vom Zuhören zum aktiven Machen

Diese erste Phase habe ich geschafft. Heuer lege ich als Vortragende zwar eine kleine Pause ein, aber die Bühne, die ich aufgebaut habe, bleibt bestehen. Die Community geht jetzt den nächsten logischen Schritt – aus dem „Ich“ wird ein „Wir“.

Mit Laura Wissiak starten wir die DHS Study Group. Wir wechseln vom reinen Konsumieren von Inhalten hin zum aktiven Lernen. Als Gemeinschaft bereiten wir uns gemeinsam darauf vor, zertifizierte A11y Tester zu werden. Das ist unser Ansatz für die Zukunft: messbar, wirksam und praxisnah.

Genau das ist der Weg, wie wir Österreich als Standort für echte Softwarequalität etablieren können.

Barrierefreiheit ist kein „Nice-to-have“-Feature. Sie ist die Basis für Code-Qualität, Team-Qualität und eine gute Developer Experience (DX).

Wenn wir von Anfang an barrierefrei bauen, schreiben wir automatisch stabileren, performantere und sauberer strukturierten Code. Davon profitieren am Ende alle.

Worauf wir jetzt aufbauen:

  1. Messbarkeit einführen: Barrierefreiheit darf kein Bauchgefühl sein. Sie muss als fester Bestandteil und KPI in den Entwicklungsprozess integriert werden. Die Study Group ist dafür unser Startpunkt.
  2. Austausch fördern: Wissen bringt nichts, wenn man es hortet. Nur wenn wir unsere Best Practices teilen, heben wir das Niveau in der gesamten Breite.
  3. Vom Community-Denken zum globalen Ansatz: Wenn ich im Kleinen anfangen konnte, eine Dynamik von Wien bis nach Tokyo zu entwickeln, dann können wir als Community jetzt noch viel mehr bewegen.

Der Global Accessibility Awareness Day (GAAD) erinnert uns einmal im Jahr an dieses Thema. Aber die eigentliche Arbeit passiert an den restlichen Tagen. Wenn jeder in seiner Gruppe das Thema anpackt, ist es kein heißer Tropfen mehr auf dem Stein, sondern der Standard von morgen.

Über Julia Undeutsch

Initiatorin von GAAD Austria, Obfrau von GDG Vienna, Accessibility Advocate und Software Developer. Sie setzt sich leidenschaftlich für Code Sustainability, Code Quality, und Developer Experience ein.

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